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Die Industrien der Zukunft

Andreas Meier hat sich zu DDR-Zeiten als Schlosser unter Tage um allerlei Mechanisches gekümmert, heute er sich im Solarpark Klettwitz um 300 Megawatt Solarstrom.

erschienen im Nachhaltigkeitsbericht 2022 der Evangelischen Bank

Bei Andreas Meier hat man das Gefühl, er produziert viel zu viel Energie, zieht sie aus seiner Umgebung und verteilt sie an alle, die seines Weges kommen. Der 53jährige steht vor einer Trafostation, ein grünes Häuschen, mit dem Achtung Hochspannung – Aufkleber mit dem Blitz darauf, die zwischen meterhohen Solarzellen liegt. Die Tür ist geöffnet, er zeigt auf Unmengen von Kabeln und auf Sicherungen so groß wie Unterarme und erklärt, wie die Energie der Sonne ins Stromnetz kommt.

Meier ist Servicemitarbeiter im Solarpark Klettwitz, auf dem Gelände des ehemaligen Braunkohletagebaus Klettwitz im Süden Brandenburgs. Anfang der 1990er Jahre hat man die letzte Kohle aus dem Boden geholt, 52 Quadratkilometer nahm der Tagebau ein, was ungefähr der Größe Manhattans entspricht. Heute liegt in der rekultivierten Landschaft der Bergheider See. Im Osten stehen große Windränder auf der eingeebneten Fläche und dazwischen recken sich Solarzellen der Sonne entgegen.

Meier kennt sich mit all dem aus: dem Tagebau, den Windrädern und den Solaranlagen. Er hat immer für die Industrie der Zukunft gearbeitet, nur hat sich die im Laufe der Jahrzehnte eben gewandelt. Als der Osten Deutschlands noch Teil der DDR war, war Kohle der Rohstoff, aus dem die Zukunft produziert wurde. Die gesamte Industrie beruhte darauf und Meier half, dass die Kohle reibungslos aus dem Boden geholt werden konnte.

Als Meier Kind war, hat er mit dem wenigen, was es damals gab, Lichtorgeln und Boxen gebaut und mit seinen Freunden Musik gemacht. Er wäre gern Elektriker geworden, aber seine Schulnoten waren zu schlecht und so wurde er Schlosser. In einem Tagebau südwestlich von Cottbus kümmerte er sich um die Abraumwagen, große Eisenbahnwaggons, auf die noch größere Bagger die Erde beförderten, die man entfernen musste, um an die Kohle zu gelangen. Instandhaltungsmechaniker nannte sich Meier damals. Später versetzte man ihn in einen Tagebau nordöstlich von Cottbus, wo er die Fließbänder überwachte, die die Kohle transportierten. Der feine Kohlestaub kroch überall hinein, konnte Rollen festsetzen und Antriebswagen lahmlegen. Als die Wende kam, wurden viele Tagebaue der DDR nach und nach geschlossen und Meier half die Landschaften wieder einzuebnen. Er kümmerte sich um die Eimerkettenbagger, die den Abraum zurück dorthin schafften, wo er hergekommen war.

Genauso verlief es auch im Tagebau Klettwitz, auf dem heute die Solaranlagen stehen, um die sich Meier kümmert. Im Prinzip haben er und die Landschaft die gleichen Stationen durchlaufen. Fährt man über das Gelände warnen noch überall Schilder „Betreten verboten! Lebensgefahr!“. Der Boden arbeitet noch, das aufgeschüttete Material verfestigt sich, die Hängen könnten abrutschen.

Meier ist groß, sportlich, trägt Glatze und hat Hände so groß, dass jede einzelne einen Basketball umfassen kann. Auf seiner Nase sitzt die typische randlose, schmale Brille, die Menschen in technischen Berufen so oft tragen. Er ist ganz in schwarz gekleidet, das Logo seines Arbeitgebers prangt auf seinem Shirt. Hätte er keine Arbeitshose mit einer Vielfalt an Taschen an, könnte man ihn sich auch in einer der Silicon Valley Tech-Start-Ups vorstellen. Er sagt: „Wir haben hier Solarzellen, Wechselrichter und Trafos und von all dem sehr viel.“

Im Frühjahr 2022 gingen in Klettwitz die ersten 183.000 Solarmodule mit einer Leistung von 90 Megawatt ans Netz. Knapp ein halbes Jahr später folgten 163.000 weitere Paneele. Wenn der Solarpark fertig ausgebaut ist, wird die Leistung 300 Megawatt Solarstrom betragen. Dieses Jahr will man damit beginnen, auf dem Gelände eine Anlage zur Erzeugung von Wasserstoff zu bauen, mit zugehöriger Tankstelle.

Mehrere Dutzend Solarzellen werden in Reihe geschaltet. Von ihnen führt ein Kabel in den Wechselrichter. Er wandelt die Gleichspannung der Solarzellen in Wechselspannung um. 11 bis 22 Kabel führen in einen Wechselrichter und von ihm in einem dicken Kabel in den Trafo. Dort werden sie hochtransformiert und an das Umspannwerk weitergeleitet. „Ich tausche am liebsten die Wechselrichter aus“, sagt Meier. „Da muss man jedes Kabel durchmessen und schauen, wo der Fehler liegt.“ Meier ist eine Mischung aus Tech-Nerd und Outdoor-Fan. Er rennt gerne herum, organisiert und koordiniert. Man kann ihn sich auch schlecht hinter einem Schreibtisch vorstellen. Wohin mit all der Energie, die er in sich trägt?

Mit der Wende kommt nicht nur das langsame Ende des Kohlebergbaus, sondern auch der Anfang von Meiers zweiter Karriere. Endlich kann er sich mit dem beschäftigen, was ihn seit jeher am meisten interessierte: Elektrik und Elektronik. Er macht eine Umschulung erst zum Elektriker, zwei Jahre später lässt er sich zum Elektrotechniker weiterbilden. Er ist eine Weile im Westen, aber gibt seine Wohnung in der Heimat nie auf, verliebt sich und kommt zurück. Nach einigen Zwischenstation beginnt er bei Vestas zu arbeiten, einem dänischen Betrieb, der Flügel für Windkraftanlagen herstellt. Auch darin steckt Elektrik.

Nun steht er zwischen eben diesen Windrädern, unterhalb derer die Solaranlagen aufgestellt sind. Auf ein Windrad klettern würde er nie und nimmer. „Höhe habe ich abgewählt. Ich hab noch nie in einem Flugzeug gesessen.“ Klimaschutz ist ein Nebeneffekt. Stattdessen bereist er in seinem Elektro-Auto Europa. Ohne das Auto wäre er vermutlich auch nie zu dem Job im Solarpark gekommen. Sein Arbeitgeber hatte eine Tankstelle für E-Autos in Klettwitz aufgestellt und Meier, neugierig wie er nun mal ist, fand das spannend, hat recherchiert, was das für eine Firma ist und was sie so machen. Er fand ein Stellengesuch. Nun ist er einer von zwei Servicetechniker, einen Grünpfleger gibt es auch noch, der sich darum kümmert, dass das Gras unter und um die Solaranlagen gemäht wird. Und in seiner Freizeit hat er sich eine eigene Wärmepumpe und Solaranlage zuhause installiert. Abgesehen davon, dass er einfach durch und durch technikbegeistert ist, mag er seinen Job auch deshalb, weil er nur wenige Minuten von zuhause zur Arbeit pendeln muss. „Es ist eine verdammt gute Work-Life Balance“, sagt er. Auch das ist Zukunft.